
Iglesia Evangélica Luterana de Habla Alemana (IELHA)
Evangelisch-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Bolivien


Matthias Strecker, Prädikant
22. Juli 2026
Unter Verwendung einer Reportage von Zoé Wolters (SWR, 21.6.26)
Was hat die Fußball-Begeisterung mit der Kirche zu tun? Bei dieser Frage denke ich an einen unserer früheren Pfarrer, der gern Fußball spielte, natürlich besonders gern, wenn er dabei den Ball ins Tor schoss. Mit Gottes Hilfe? Da können wir auch an Don Camillo denken, den starken italienischen Priester, der gegen die Fußballmannschaft des kommunistischen Bürgermeister Peppone seine eigene zusammenstellte und die Spieler mit Prügel bedrohte für den Fall, dass sie verlieren würden (nach dem berühmten Roman von Giovanni Guarechi).
Natürlich hat die Fußball-Weltmeisterschaft internationale Fan-Gemeinschaften mobilisiert und die Emotionen gehen hoch. Man mag das negativ sehen angesichts der extrem hohen Eintrittspreise und der Verhaltensweise der FIFA-Manager. Andererseits trägt dieses Ereignis durchaus zur Völkerverständigung bei. Selbst kleine Nationen wie Curaçao (mit nur 150.000 Einwohnern) und Kap Verde werden plötzlich wahrgenommen. Und Rassismus hat keine Chance dabei. Das kann selbstverständlich mit der christlichen Botschaft des friedlichen Zusammenlebens aller Völker in Verbindung gebracht werden.
Im Übrigen ist bei den Fußball-Reportagen immer wieder eine religiöse Sprache zu hören: Die Fans „pilgern“ zu den Stadien, es wird vom „Fußballgott“ gesprochen oder ein Spieler als „Hand Gottes“ bezeichnet.
Dr. Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, sieht Bereiche, in denen die Kirche sich etwas vom Fußball abschauen könne: die Kampfbereitschaft nicht aufzugeben, zum Beispiel. Und das Maß an Begeisterungsfähigkeit.
Die Fußball-Fankultur kann allerdings auch etwas von der Kirche lernen: "Dass bei aller Begeisterung man zugleich nach dem Spiel mit den Fans der anderen Mannschaft auch gemeinsam wieder feiern kann. Dass es nicht zu Gewaltszenen kommt." Und sich immer wieder daran zu erinnern, dass es Wichtigeres gebe als das Spiel. Hier komme der Glaube zum Einsatz.
Dr. Hans-Ulrich Probst arbeitet im Bereich Praktische Theologie an der Uni Tübingen und hat eine Doktorarbeit mit dem Titel "Fußball als Religion?" geschrieben. Er erklärt, dass es in Punkto Ritual und Identitätsbildung Ähnlichkeiten gebe. Das Ritual des Spieltages fange bereits lange vor Anpfiff an: Menschen machen sich in Fankleidung auf den Weg und betreten das Stadion. Das könne als Ort des Heiligen beschrieben werden, so Hans-Ulrich Probst: "als einen besonderen Ort, der für ihr Leben mit vielen Erinnerungen verbunden ist und ganz wichtig ist“ Er sieht den Fußball als einen Ort, an dem Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg gelebt wird. Eine Person mit Migrationsgeschichte habe ihm beschriebene, wie das Stadion, als Ort der Vergemeinschaftung, die ersten positiven Momente in Stuttgart geschaffen habe. Und in der Tor-Euphorie passiere plötzlich, dass man anderen Fans um den Hals fällt. Das seien Momente, in denen klar sei: "Hier passiert irgendwie was anderes, als das, was ich im Alltag erlebe“.
Unter Fans und in Vereinen herrsche ein starkes Gefühl von Miteinander. Während seiner Forschung für die Doktorarbeit "Fußball als Religion?" erlebte Hans-Ulrich Probst wie ein junger Fan schwer erkrankte. Der gesamte Verein, inklusive Vereinsführung und Vorstand, hätten alles getan, um diesen Menschen zu unterstützen. Sie hätten eine Aktion zur Organ- und Blutspende ins Leben gerufen, für sie geworben und sich selbst beteiligt. „Diese Aktion bleibt mir sehr in Erinnerung. Dass es um mehr als nur Fußball geht, sondern es sind plötzlich auch die existenziellen Fragen, die dort mit verhandelt werden, und da gibt es dann auch eine große Solidarität.“