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Meditation zum Monatsspruch Juli

Matthias Strecker

1. Juli 2024

Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist. Ex 23,2


So steht es im Buch Exodus, dem 2. Buch Mose, in dem zahlreiche Gebote für den gerechten Umgang mit Anderen verkündet werden. Der komplette Satz lautet: Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist, und sollst in einem Rechtsverfahren nicht so aussagen, dass du dich der Mehrheit fügst und das Recht beugst.” Was hier auf ein Gerichtsverfahren begrenzt scheint, hat aber Bedeutung im Allgemeinen und ist heute noch aktuell.

Der entsetzliche Krieg zwischen palästinensischen Terroristen der HAMAS und dem Staat Israel hat so viele unschuldige Opfer gefordert, dass der Hass hoch kocht und an eine Versöhnung nicht zu denken ist. Gewalt erzeugt Gewalt, die Spirale der Untaten geht weiter.

Und doch hat es schon 1948 Israelis gegeben, die ein Umdenken forderten, Schritte zur Versöhnung und zum Frieden. Einer der Betreiber war der jüdische Theologe Martin Buber. In der Erklärung, die er und andere damals unterzeichneten, hieß es:

“Eine Verständigung zwischen beiden Völkern ist trotz der ständig wiederholten Behauptung, dass die jüdische und arabische Bestrebung unversöhnlich seien, möglich. Der gewöhnliche Jude und der gewöhnliche Araber sind nämlich keine Extremisten. Sie sehnen sich nach der Möglichkeit, durch Arbeit und Kooperation ihr gemeinsames Land aufzubauen, das Heilige Land.”

Einen Monat später, noch vor der Gründung des Staates Israels, veröffentlichte diese Gruppe einen Brief, in dem sie leidenschaftlich mahnten:

“Arabische und jüdische Extremisten treiben derzeit Palästina rücksichtslos in einen nutzlosen Krieg. Sie glauben zwar, legitime Interessen zu vertreten, doch diese Extremisten spielen nur der jeweils anderen Seite in die Hände. Dabei ignoriert diese Herrschaft des Terrors die Bedürfnisse und Wünsche der gewöhnlichen Menschen in Palästina…”

Diese Haltung Bubers ist auf seine tiefe religiöse Überzeugung zurückzuführen. Er stellte sich immer wieder gegen die Mehrheit seiner Volksgenossen, indem er eine jüdische Wiedergeburt von innen forderte. Er bejahte schon früh den Zionismus, aber machte 1929 in einer Rede deutlich:

“Zionismus ist mehr als Nation… Zion… ist die Bezeichnung für etwas Einziges und Unvergleichliches… Was einst werden sollte und was immer noch werden soll; in der Sprache der Bibel: der Anfang des Königtums Gottes über alles Menschenvolk.”

Wie oben geschildert, wollte er dieses Ziel im neuen Staat Israel erreichen und scheiterte. Er selbst wohnte im arabischen Teil der Stadt Jerusalem. Als der Krieg zwischen den beiden Volksgruppen tobte, musste er seine dortige Wohnung aufgeben und nach Tel Aviv umziehen. Eine arabische Familie, bei denen er zur Miete wohnte,  half ihm bis zuletzt.

Er wurde gefragt, was er in dieser trüben Zeit tue. Seine Antwort: “Ich tue, was ein alter Jude in Gefahr tut, ich spreche Psalmen.” Und im Donner der Geschütze arbeitete er an seiner Übersetzung der Psalmen.

Sein fester Gottesglaube beruhte auf mehreren Erkenntnissen: Israel ist in seiner Geschichte von Anfang an von Gott geführt worden. Auch im Unglück beharrt der Gläubige im Vertrauen auf die Allmacht Gottes, die das Gute will und letzendes durchsetzen wird.

Auch in seinen Religionsgesprächen im jüdisch-christlichen Dialog nahm Martin Buber eine seltene Rolle ein und unterschied sich von der großen Mehrheit der Juden. Er ging so weit, Jesus als seinen großen Bruder zu bezeichnen und hob hervor, dass Jesus ganz und gar in der jüdischen Welt verwurzelt war, aber in seinen Aussagen, wie seinem Gebot der Feindesliebe, überstrahlte er seine Umwelt.  Noch 1933 führte Buber mit christlichen Theologen Gespräche und bemühte sich – weitgehend vergeblich – um ihr Verständnis für seine Positionen.

Im Februar 1939 schrieb er einen Brief an Gandhi, der den Juden vorgeschlagen hatte, seinem Beispiel der Gewaltlosigkeit zu folgen und in Deutschland unter den Nazis eine gewaltfreie konsequente Opposition zu betreiben. Gandhi kannte die Realität des Nazi-Terrors nicht und damit die Unmöglichkeit seines Vorschlags. Dennoch machte Buber in seiner Antwort deutlich, dass auch er die Gewalt verabscheute:

“Wir wollen die Gewalt nicht. Wir haben nicht, wie unser Volkssohn Jesus und wie Sie, die Lehre der Gewaltlosigkeit ausgerufen… aber wir haben von Urzeiten an die Lehre der Gerechtigkeit und des Friedens ausgerufen: wir haben gelehrt und gelernt, dass der Friede das Ziel der Welt und dass die Gerechtigkeit der Weg zu ihm ist. Also können wir nicht Gewalt üben wollen …”

Martin Bubers Zeugnis fordert heraus. Er verweist auf die Psalmen, in denen es heißt:

“Es wird meiner Seele lang zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.

Ich halte Frieden; aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an.” (Ps. 120, 6-7)

 

“Der Gerechte muss viel leiden, aber aus alledem hilft ihm der Herr.” (Ps. 34, 27)

 

Amen.

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